Freitag, 6. Januar 2012

Da ging es schweinisch zu...

(Kindheitserinnerungen/Fragmente)

Nein, nein...nicht was ihr jetzt denkt, dazu war der Zeitpunkt damals nun wirklich noch nicht gekommen! Da wurde an ganz etwas anderes gedacht, wenn das Magenknurren andere Stöhngeräusche übertönte.
Ich rede von jenen Jahren als mein Namensvetter Schmalhans noch Küchenmeister in
deutschen Landen war. Also, um genau zu sein, das erste Jahr nach dem Weltkrieg zwei.
Lebensmittel gab es nur auf Lebensmittelkarten und die Zuteilungen fielen nicht besonders üppig aus. Das bedeutete, daß nicht nur unsere Familie zur Zwangsdiät verpflichtet war
( für die jüngere Generation: denkt hier nicht an Brigitte Diät) und man manchmal hungrig ins Bett gehen mußte.
Glückliche Familie hieß damals die Familie mit Glück durch die schweren Jahre durchzubringen. Und siehe da, einmal hatten wir wirklich Glück. Das kam zu uns in Gestalt eines Kameraden meines Bruders Günter, der nicht wie der in englische Gefangenschaft geraten war, und nun die elterliche Bäckerei übernommen hatte. Mein Vater und Herr D.
besprachen sich lange in dem kalten Wohnzimmer, sehr lange, wenn man die Kälte bedenkt.
Es muß wohl irgend etwas Konspiratives gewesen sein, denn wir wurden zunächst nicht gewahr, was die Beiden miteinander zu besprechen hatten.
Einige Tage vergingen. Dann fuhr ein Auto vor. Da muß man sich zunächst einmal die Augen reiben: ein A u t o zu der damaligen Zeit! Ein DKW (Zweitakter) mit einer Sperrholz Karosserie. Der fuhr tatsächlich mit T r e i b s t o f f, wo andere Lastfahrzeuge, sofern es sie gab, mit Holzkohlevergaser durch die Trümmerstraßen fuhren! Offenbar waren Bäckermeister wohl irgendwie privilegiert!
Herr D. besprach sich kurz mit meinem Vater, der kam auf mich zu und fragte, ob ich mitfahren wolle. Welche eine Frage! Natürlich wollte ich, der sechsjährige Knirps, der noch nie in einem Auto gesessen hatte. Mein Vater sagte nur kurz zu Herrn D.: „Wir nehmen den Jungen mit, das ist weniger auffällig!“ Ich stieg also auf die hintere Sitzbank und dann ratterten wir los. Es wurde kein Wort gesprochen. Wir fuhren durch eine Gegend, die mir
unbekannt war (wie sollte sie auch, fort von zu Hause?) Es fing an dunkel zu werden, denn es war Spätherbst, die Kopfsteinstraße rumpelig und wir kamen nicht gerade schnell voran.
Wir überquerten eine Brücke, die sich über einen Kanal spannte, dann endlich waren wir an einem Gehöft angelangt, nachdem wir durch eine Dorfstraße gefahren waren. Wie ich später erfuhr, waren wir in dem Dorf S., das im Kreis Lübecke liegt, etwa 70 km entfernt von meiner Heimatstadt.
Noch immer ahnte ich weder den Grund warum wir hier waren, noch erfuhr ich den geringsten Zusammenhang. Mein Vater und Herr D. stiegen aus. Es dauerte eine Weile,
da kamen die beiden plötzlich aus einem Nebengebäude, das sich als Schweinestall entpuppte.
Vor ihnen quiekte ein an einem Hinterbein gefesseltes kleine Schwein. Ich stieg aus, denn das Schweinchen sollte auf der Hinterbank verfrachtet werden, wozu es offenbar gar keine Lust verspürte. Kommandos wurden gebrüllt, ohne Erfolg, das Schwein sperrte sich unbeeindruckt.
Da nahm Herr D. einen Knüppel mit dem er das Schwein vorwärts getrieben hatte und prügelte darauf ein. Das arme Tier wurde geschubst, gezerrt, es rutschte von der Bank mit einem Bein in den Zwischenraum zum Vordersitz und brach sich offenbar ein Bein, denn es schrie fürchterlich. „Nimm die Decke vom Hintersitz und lege sie über das Schwein,“ sagte mein Vater nervös. „so fallen wir weniger auf“, fügte er hinzu. Dann stiegen wir ein und fuhren wieder los. „man sieht ja rein gar nichts, du fährst ohne Licht“, bemerkte mein Vater nach kurzer Strecke. Meinst du ich möchte einer Kontrolle von fern signalisieren, hallo wir kommen! Das hätte uns gerade noch gefehlt!“ stellte sich der Fahrer stur. So ging es durch den dunklen Abend. Außer dem Schwein, das nach wie vor schrie, leicht gedämpft unter der Pferdedecke, sagte niemand ein Wort. Die Fahrt dauerte sehr, sehr lange, doch Zwischenfälle gab es nicht. Endlich gelangten wir auf den Hof der Bäckerei, wo man das Schwein einschließlich Decke auslud und mir befahl ruhig sitzen zu bleiben, da man noch eine ganze Weile zu tun hatte.
Nach stundenlangem Warten – ich war inzwischen eingeschlafen- kamen beide Männer aus der Backstube wieder heraus und Herr D. fuhr uns nach Hause, wo meine Mutter uns schon bangend erwartet hatte. Warum bangend? Werden die Jüngeren unter euch fragen.
Nun, das was ich da geschildert habe, war zur damaligen Zeit unter strengste Strafe gestellt:
Schwarzschlachterei. Ich wurde deshalb auch verdonnert nie und unter gar keinen Umständen davon etwas verlauten zu lassen. Man sprach sogar von Hinrichtungen, die man in Dortmund für derartiges Verbrechen bereithielt.
Nun, wer damals hingerichtet wurde, war das kleine Schwein, von dem wir eine Mettwurst und ein kleines Stück Speck abbekamen.
Liebe Tierfreunde seid nicht schockiert, ich habe meinen kleinen Anteil davon mit Heißhunger genossen!


Ich habe die Geschichte nicht aus nostalgischer Erinnerung geschrieben, viel mehr gerate ich in Zorn, wenn in der heutigen Zeit Eltern behaupten sie können aus Geldmangel ihren Kindern kein Pausenbrot mitgeben. Ich habe dies mit dem nachstehenden Gedicht zum Ausdruck gebracht

So gesehen – Berlin 1900

Ein Bildband von Berlin um die Jahrtausendwende
fiel, eigentlich per Zufall nur, kürzlich in meine Hände.
Die Fotos, was recht sonderbar, stammten von Heinrich Zille,
der sein Milieu – Berlin wie ´s war- zeigte durch seine Brille.

Die gute, alte Kaiserzeit von Glanz und Gloria:
vor Armut strotzend, weit und breit war keine Hoffnung da!
Wer heute in der sicheren Zeit von Armut ständig spricht,
der kennt die Zeiten, die ich mein`, in Deutschland sicher nicht.

Wie töricht müssen Menschen sein, die auf die Strasse gehen,
wenn sie ein Stündchen Mehrarbeit pro Woche nicht verstehen?
Ich, als ein echtes Trümmerkind, das fror und wurd` nicht satt,
das fragt zu Recht, wer damals sich um mich gekümmert hat?

Wenn heut´ ein Kind hier hungern muss, dann frag ich alle Welt,
warum wird sinnvoll Nahrung nicht gekauft vom Kindergeld?
Beschimpft mich nur, soviel ihr wollt. Ich möchte euch nur sagen,
egal, ob damals andere Zeit…..es blieb ein leerer Magen!

Donnerstag, 5. Januar 2012

Die Rache der Miezen

Zeitungsbericht vom 5.1.2012

Die Zeitung hat es abgedruckt:
ein Milliardär hat sich verschluckt
in Süd-china beim Katzenschmaus
blies man das Lebenslicht ihm aus.

vergiftet war das Miezenmahl,
er merkt es nicht – es schmeckte fahl.
Bei uns sind Katzen auch beliebt,
wenn man sie nicht im Wok anbriet.
Die Tierliebhaber – schadenfroh,
die freuen sich: er wollt´ s ja so!

Schlamm drüber

Kindheitserinnerungen/Fragmente

Wir befinden uns im Winter 1946 auf 1947, einer jener Winter, die nicht nur wegen der Kälte sonder auch wegen des Mangels an Lebensmitteln und Brennmaterial besondere Notsituationen hervorrief. Wir waren ausgebombt, hatten aber dennoch das Glück mit unserer Familie in der ehemaligen Wohnung, die provisorisch hergerichtet war, wieder einziehen zu können. Nicht zuletzt deshalb, weil mein Vater nach den Bombenangriffen tatkräftige Löscharbeit geleistet hatte und nicht gezündete Brandstäbe mittels Schippe auf das Grundstück geworfen hatte, wo sie keinen sonderlichen Schaden anrichten konnten.
So zogen wir, Vater und Mutter sowie meine älteren Schwestern Ruth und Karin mit unseren verbliebenen Habseligkeiten ein, während mein Bruder als Fallschirmjäger in englischer Gefangenschaft in Ägypten schmorte. Immerhin, er hatte den Krieg überlebt.
Nun galt es, irgendwie die Familie durchzubringen, was insbesondere meine krebskranke Mutter stark belastete.
Da andere Räumlichkeiten nicht beheizbar waren, spielte sich das Leben ausschließlich in unserer Küche statt, ein Raum, der durch einen alten Küchenherd gewärmt wurde –
wenn man das Wärme nennen konnte. Die Fenster waren noch nicht verglast, es gab eine Art Drahtglas, das seinen Namen nicht verdiente, denn es bestand aus einem engen Metallfäden Geflecht milchig, undurchsichtig mit einer Art Kunststoff bespannt. Herrlich, wenn man mit dem kleinen Finger diese Schicht durchstieß und ein Guckloch auf das imposante Trümmerfeld erhielt. Dermaßen unschuldiges Kinderspiel erboste die Eltern natürlich, denn es brachte zusätzliche Kälte herein, allerdings, im Nachhinein betrachtet auch ein wenig Sauerstoff, denn die „Schmorverbrennung“ der zugewiesenen Schlammkohle stank fürchterlich. Soweit die Einstimmung auf die damalige Situation doch halt – ich vergaß zu erwähnen, daß wir im ersten Stock des Mehrfamilienhauses „wohnten“. Das Küchenfenster ging zum Hof hinaus (durch eine kleine Wäschebleiche auch Garten genannt). Öffnete man das Fenster, so schaute man auf den letzten Streckenabschnitt eines Rangierbahnhofes auf dem die Züge der Reichsbahn mit Steinkohle gefüllten Waggons für den Abtransport
auf Nimmerwiedersehen in irgend ein Siegerland zusammengestellt wurden.
Welch eine teuflische Versuchung für eine frierende Meute ausgemergelter Kriegsverlierer,
die eines noch nicht aufgeben hatten: den Kampf zu überleben! So war es nicht verwunderlich, daß bei der frühzeitig einbrechenden Dunkelheit sich dunkle Gestalten an dem Bahndamm herumtrieben, auf die Güterzüge kletterten und die begehrte Steinkohle aus den Waggons warfen... sagen wir Mal aus Vorsorge, damit die überladenen Züge auch ohne Unfall ihre Zielladestationen erreichten. Gemäß den harten Zeiten weniger diplomatisch ausgedrückt: hier war Kohlenklau am Werk. Eine in mehrfacher Hinsicht gefährliche Angelegenheit, denn 1. war man nie sicher, wann sich die Züge wieder in Bewegung setzten 8es gab entsetzliche Unfälle beim Herabspringen), 2. Die Züge waren von bewaffneten Alliierten (Briten und Polen) bewacht, die auch hin und wieder das Feuer eröffneten, da ich
Unfähigkeit nicht unterstellen möchte, offenbar aus humanitären Gründen vorbeischossen.
Und wir waren dabei: meine Schwester Ruth (17), meine Schwester Karin (9) und ich (Jahrgang 1940). Meine Schwester Ruth war mutig und kletterte mit auf die Güterwagen
während meine kleine Schwester und ich mich an die Verstecke machten, die die Großen in der zerbombten alten Glashütte anlegten. wir klauten also den Klauern gewissermaßen ihre Beute –allerdings in dem bescheidenen Maße, die zur Füllung unserer kleinen Körbe ausreichten. Immerhin konnte man damit ein Mittagessen (was man damals so hatte) kochen und ein wenig heizen ging auch.
Doch dann geschah das Unvermeidliche.Während eine Gruppe einschließlich meiner Schwester Ruth sich noch auf dem Güterzug befand, setzte der sich in Bewegung und die kleine Gruppe „genoß“ eine Freifahrt, denn an ein Abspringen war nicht mehr zu denken.
Zu Hause wartete man voll Sorge auf die Rückkehr meiner heldenhaften Schwester.
Es wurde Nacht und es gab noch immer kein Lebenszeichen von ihr. Wir suchten den Bahndamm ab in der Hoffnung allerdings sie dort nicht verletzt irgendwo zu finden.
Es wurde vier Uhr morgens als meine Schwester frierend wieder vor unser Wohnungstür stand. Eine ungeheuerliche Erleichterung machte sich verständlicher Weise breit.
Meine Schwester war mit ihrer Gruppe nach kurzer Fahrt zu einem Rangiergleis von der polnischen Streife entdeckt worden und nach eingehendem Verhör in der Wachstube mit einer Verwarnung entlassen worden, was ihrer Jugend und ihrem Geschlecht wohl zu verdanken war.
Von diesem Abenteuer geschockt, gab es seitens der Eltern ein absolutes Verbot sich weiterhin an der Beschaffung des schwarzen Goldes zu beteiligen.
Für mich und meine Mutter hieß dies, mit einer kleinen Zinkwanne ausgerüstet, den nächsten Kohlenhändler (sehr, sehr weit weg für meine Begriffe) aufzusuchen und uns die zugeteilte Ration Schlammkohle einfüllen zu lassen. So schleppten wir uns nach Hause...
aber Schlamm drüber...

Mittwoch, 4. Januar 2012

Im Wald und auf der Heide

Wer Wald und Heide wirklich liebt,
der freut sich, daß es diese gibt.
Der Unbill wird nur immer arger,
gibt ´s doch den hinterhält´gen Jager,
der vorgibt doch, daß er ´s wild behütet
jedoch in den Beständen wütet.

Allein, dies ist ein Vorurteil!,
denn unsere Wälder wär ´n nicht heil,
wenn Reh und Hirsch und Wildes Schwein
könnten ungestöret sein.
Darum, wenn ihr ein Urteil fällt,
denkt an die Folgen für die Umwelt.

Dienstag, 3. Januar 2012

Sirenensang

Höret, Gefährten, was ich euch sage:
Verschließt eure Ohren mit dem Wachs
der Bienen.
Mich aber, den Getriebenen, bindet fest
an den Mast der Standhaftigkeit.
Wenn auch die Götter mich straften,
so will ich dem verführerischen Sang
der Sirenen lauschen – so wird nicht
Untergang mein Geschick sein.
Also sprach Odysseus, der Heimatlose.

So wie er will auch ich die Genüsse
und Verführungen des Lebens genießen.
Doch Freunde, legt auch mir Fesseln an,
damit ich dem Sirenensang nicht erliege.
Ich, der getrieben von Lebenshunger
heimatlos den Götterzorn herauf beschwor,
Sirenensang dürstend.

Sonntag, 1. Januar 2012

Königsweg

Königsweg

Kennst du den Weg, den Könige beschritten?
Ich glaube kaum, daß du ihn je gegangen.
Vielleicht, daß du im Innern darum wohl gestritten,
doch konntest du den Kompaß dazu nicht erlangen.

Der Königsweg verbirgt sich tief versteckt,
er liegt im Irrgarten der Gedankengänge,
bisher hat keine Menschenseele ihn entdeckt:
man kennt die Breitengrade nicht und nicht die Länge.

Der Königsweg – wieviel würd´ man drum geben
ihn zu erkennen und ihn zu beschreiten.
doch selbst die Götter, die dies Ziel anstreben
sie scheitern – weil sie ewig darum streiten!

Wirklichkeit

Die Wirklichkeit zerstört die Träume,
zurück bleibt ein Gefühl der Unbehaglichkeit.
Mit dem verbringt man seine Zeit
im Irren durch längst leere Räume.

Die Wirklichkeit ist unsere Lebensgabe,
uneingeschränkt muß man sie akzeptieren,
man darf sich nicht in Träumerei verlieren,
damit man sich und Anderen nicht schade.

So nimm sie hin, die unvermeidlich Harte,
wenn du den Träumen abgeschworen,
hast du zwar jede Illusion verloren,
man dir auch manch´ Enttäuschung mit ersparte.